Winkler (Nr. X348) beim Berlin-Marathon 1988: Hinterher fand er sich auf dem Cover des "Spiridon" wieder (Quelle: Laufmagazin Spiridon)
DDR-Läufer beim Berlin-Marathon
"Gänsehaut und Tränen in den Augen"
Ein Jahr vor dem Mauerfall startet Roland Winkler heimlich beim Berlin-Marathon. Die Freude über die Teilnahme ist groß, im Ziel fließen die Tränen. Doch der Lauf in der geteilten Stadt hat auch etwas Beklemmendes. Im Interview mit Achim-Achilles.de spricht Winkler über Marathon, Mauerfall und die Machenschaften der Stasi.
Achim-Achilles.de: Herr Winkler, 1988 lebten sie in Ost-Berlin. Dennoch haben sie damals am Berlin-Marathon im Westteil der Stadt teilgenommen. Wie haben Sie das gemacht?
Roland Winkler: Meine Tante hatte ein paar Tage vor dem Berlin-Marathon Geburtstag. Das war natürlich äußerst günstig für mich. Das gab ich als Grund für meine Ausreise an, die dann auch genehmigt wurde. Also bin ich nach Nürnberg gefahren, um meine Tante zu besuchen, aber eigentlich ging es um den Marathon. Auf der Rückreise nach Berlin bin ich im Westen ausgestiegen und zum Reichstag an den Start gegangen.
Achim-Achilles.de: Wie haben Sie sich für den Lauf angemeldet?
Winkler: Ein Bekannter aus dem Westen hat das für mich getan. Läufer aus der DDR mussten kein Startgeld zahlen.
Achim-Achilles.de: Haben Sie einen falschen Namen angegeben?
Winkler: Nein, ich bin unter meinem richtigen Namen gestartet. Es war ja nicht verboten, in West-Berlin Sport zu machen, aber offiziell erlaubt war es eben auch nicht.
Achim-Achilles.de: Waren Sie 1988 der einzige Starter aus der ehemaligen DDR?
Winkler: Es waren etwa 30 Läufer aus der DDR dabei. Die meisten haben wohl den Trick mit dem Verwandtenbesuch angewendet. Von einem Läufer weiß ich, dass er sich unter dem Namen seines Hundes angemeldet hat.
Achim-Achilles.de: Was haben Sie gefühlt, als Sie im Westteil der Stadt an der Startlinie standen?
Winkler: Es war einfach gewaltig. Es war alles neu, viel bunter und sauberer als im Osten. Ich kann mich noch sehr genau an all die verschiedenen Farben (der Laufklamotten, d. Red.) erinnern, die sich vor dem Reichstag mischten. Das Bunte ist mir sehr aufgefallen, bei uns war ja vieles farblos und grau. Ich habe mich auf ein Podest gestellt und über die Mauer nach Osten geschaut: gähnende Leere. Und auf der Westseite, direkt vor mir, ein Meer aus 15.000 bunten Läufern. Dieser Kontrast hatte auch etwas Beklemmendes. Aber ich musste mich damit arrangieren.
Achim-Achilles.de: Welches Gefühl überwog? Die Freude über den bevorstehenden Marathon oder die Gewissheit, dass es womöglich eine einmalige Sache bleibt?
Winkler: Das ist schwer zu sagen. Ich war sehr froh, dass ich dabei sein konnte. Andererseits war ich traurig, dass meine Familie und Freunde nicht mitlaufen konnten.
Achim-Achilles.de: Wie haben Sie den Start erlebt?
Winkler: Ich habe mich in die erste Reihe vorgedrängelt. Als der Startschuss fiel, habe ich spontan die Arme nach oben gerissen – ein grandioser Moment. Diesen Augenblick hat Manfred Steffny fotografiert und ich bin damit auf dem Titelbild des Laufmagazins Spiridon gelandet. Das habe ich natürlich erst ein wenig später erfahren, weil wir uns die Laufzeitschriften illegal besorgen mussten.
Achim-Achilles.de: Und wie war der Lauf für Sie?
Winkler: Es war ein tolles Erlebnis, ich habe den Lauf sehr genossen. Vor allem, weil so viele Zuschauer am Straßenrand standen und uns angefeuert haben. Außerdem war ich ganz begeistert von den vielen Bands, die mit ihrer Musik für gute Laune sorgten. Das Ganze hat einen gewaltigen Eindruck auf mich gemacht. Beim Zieleinlauf hat ein Sprecher mich über die Lautsprecheranlage begrüßt. Das war ein irres Gefühl. Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen. Rennveranstalter Horst Milde habe ich am Abend bei der Abschlussfeier kennengelernt. Seither verbindet unsere Familien eine enge Freundschaft.
Achim-Achilles.de: Wann und wie sind Sie wieder nach Hause gefahren?
Winkler: Noch am selben Abend. Ich habe mich gegen 23:30 Uhr in die letzte S-Bahn gesetzt und bin rüber gefahren. Es hätte nicht später sein dürfen, meine Reisegenehmigung lief an dem Marathonabend aus. Es war ein sehr seltsames Gefühl, wieder nach Hause zu fahren.





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