Peter Bartel: "Ich kann nichts anderes außer Laufen."
Ultraläufer Bartel
"Mitten im Rennen 'ne Currywurst verputzt"
Peter Bartel läuft seit über drei Jahrzehnten, bevorzugt Ultra-Läufe. Doch der 67-Jährige denkt noch längst nicht ans Aufhören. Ein Gespräch über Verletzungen, Strapazen und Strategien, von dem auch Anfänger eine Menge lernen können.
Achim-Achilles.de: Herr Bartel, wie fühlen Sie sich, wenn Sie mal nicht laufen können?
Peter Bartel: Das ist schlimm für mich. Ich bin deswegen fast beim Psychiater gelandet. Als ich einmal verletzt war, habe ich mir die Laufschuhe angezogen, bin etwa 400 Meter um zwei Häuserecken gelaufen, um festzustellen, dass es nicht geht. Deshalb bin ich dann viel Spazieren gegangen. Ich hoffe, diese Zeit kommt auch nicht wieder.
Achim-Achilles.de: Sie waren Mathematik- und Physiklehrer in Berlin. 2003 sind Sie in den Ruhestand getreten. Haben Sie sich damals vorgenommen, noch mehr zu laufen?
Bartel: Ja, ich wollte richtig zuschlagen! Doch mein extrem niedriger Ruhepuls machte mir einen Strich durch die Rechnung. Plötzlich war der Stress aus dem Schulalltag weg. Ich habe jahrzehntelang Sport getrieben und gearbeitet. Als die Arbeit wegfiel, bin ich sprichwörtlich umgefallen. Seitdem trinke ich morgens sofort Kaffee, um beim Aufstehen meinem Puls und natürlich mir auf die Beine zu helfen.
Achim-Achilles.de: Klingt so, als hätten Sie es mit dem Laufen übertrieben.
Bartel: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich habe nie völlig utopische Ziele verfolgt. Ich weiß, dass es viel ist, wenn man an einem Tag 100 Kilometer läuft und dies im ausgearteten Fall sogar sechsmal nacheinander. Aber man muss ja nicht schnell laufen. Und übertrieben habe ich es nie. Meine Frau sieht das allerdings etwas anders.
Achim-Achilles.de: Was ist Ihr Antrieb, den Laufsport in diesem Maß zu betreiben?
Bartel: Weil ich nichts anderes kann. Und weil ich, wie wohl fast jeder Mensch, meine Leistungsgrenzen erfahren möchte. Ich werde auch weiterhin so lange laufen, rollern, Rad fahren, bis es nicht mehr geht. Vorausgesetzt ich bleibe von ernsten Krankheiten verschont. Aber in meiner Altersklasse wird es schon schwierig, das Niveau einigermaßen zu halten. Die Biologie zieht dem Menschen unweigerlich einen Strich durch die Rechnung. Deshalb sind auch immer wieder neue Ziele wichtig, ohne die geht es nicht.
Achim-Achiles.de: Für die meisten Freizeitläufer ist die Teilnahme an einem Marathon das höchste der Gefühle. Was hat sie bewogen, Ultra-Distanzen zu laufen?
Bartel: Über das Tennis spielen und meine Tennispartner bin ich zum Volkslauf und schließlich zum ersten Marathon gekommen. Nebenher bin ich leidenschaftlicher Bergsteiger gewesen. Die Kombination aus beidem, Marathon und Bergsteigen, hat mich zum Ultraläufer geformt. Der Marathon fordert Ausdauer und Disziplin. Als Bergsteiger ist oft der letzte Wille notwendig, um ganz oben anzukommen.
Achim-Achilles.de: Wie gehen Sie einen Ultralauf an?
Bartel: Ich weiß, dass es sich nach 60 Kilometern irgendwie leichter läuft. Das ist vor dem Lauf sehr beruhigend zu wissen. Die Psyche spielt natürlich eine sehr große Rolle bei solchen Herausforderungen. Am Anfang denke ich gar nicht über die Strecke nach, sondern über viele andere Dinge, die mit dem Laufen gar nichts zu tun haben.
Achim-Achilles.de: Was tun Sie in der Vorbereitung auf einen Wettkampf?
Bartel: Ich motiviere mich mit bestimmten Stimulanzien. Zum Beispiel hing vergangenes Jahr neben meinem Schreibtisch eine Landkarte von Italien – als Motivation für den Transeuropalauf von Bari bis zum Nordkapp. So hat eben jeder seine eigenen Methoden und Tricks, wie er sich bei Laune zu halten versucht.
Achim-Achilles.de: Und welche sind das während des Rennens?
Bartel: Ich brauche während eines langen Laufes immer überproportional viel Cola. Bei einem 24-Stunden-Lauf habe ich sogar erlebt, wie jemand mitten im Rennen, mitten in der Nacht, eine Currywurst verputzte. Das würde bei mir nicht gehen. So reagiert eben jeder Körper anders: Schlaf, Ernährung und Training sind am besten, wenn sie für jeden Läufer individuell abgestimmt sind. Da halte ich mich mit Ratschlägen gerne raus.
Achim-Achilles.de: Aber man muss wohl bereit sein, sich zu quälen?
Bartel: Qualen kenne ich natürlich auch zur Genüge und ich kann sagen: Sie machen überhaupt keinen Spaß. Es gibt immer wieder Punkte, an denen man seinen Schmerz überwinden muss. Manchmal muss man ihn ab einer gewissen Distanz einfach akzeptieren.
Achim-Achilles.de: Wie meinen Sie das?
Bartel: Es ist doch so: Wenn Sie fünf Schnäpse trinken, dürfen Sie sich nicht wundern, dass Sie danach blau sind. Und wenn Sie 1000 km auf dem Laufband rennen wollen, dürfen Sie sich natürlich auch nicht über kaputte Füße beklagen. Es ist die Erfahrung, die in den qualvollen Momenten weiterhilft. Dann weiß ich: Der Schmerz ist da, er gehört dazu, aber bald ist er auch wieder weg. So kann man damit fertig werden. Schweinehund? Den habe ich vor Jahren schon bezwungen.
Interview: Bahador Saberi









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ultraschnecke schrieb vor 5 Wochen